Hören und Sehen

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Beitrag von Günther Ortmann

Dieter Enkelmann
»Beginnen wir mit dem Unmöglichen. Jacques Derrida, Ressourcen und der Ursprung der Ökonomie«

Simon Springmann
»Macht und Organisation. Die Machtkonzepte bei Friedrich Nietzsche und in der mikropolitischen Organisationsanalyse«

Günther Ortmann, Organisationstheoretiker und Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Zuletzt von ihm erschienen: Kunst des Entscheidens. Ein Quantum Trost für Zweifler und Zauderer. Weilerswist 2011: Velbrück.

Philosophie halten die meisten Sozialwissenschaftler, und ganz besonders die Wirtschafts-, Organisations- und Managementwissenschaftler, für einen Produktionsumweg. Dabei könnten sie und auch Praktiker, Berater etc. so Manches von ihr lernen – und es sich ersparen, so manches Rad der Reflexion noch einmal zu erfinden. Da fügt es sich, dass mir vor Kurzem zwei Bücher in die Hände gefallen sind, die da gegen den Strom schwimmen.


Dieter Enkelmann, Beginnen wir mit dem UnmöglichenDas eine stammt von Wolf Dieter Enkelmann, trägt den von Derrida geborgten Titel „Beginnen wir mit dem Unmöglichen“ und ist der erste Band einer Reihe „Wirtschaftsphilosophie“, die der Autor zusammen mit Birger Priddat bei Metropolis herausgibt. Untertitel: „Jacques Derrida, Ressourcen und der Ursprung der Ökonomie“. Wer glaubt, das Denken der Dekonstruktion habe nur etwas mit – literarischen und philosophischen – Texten zu tun, wird hier eines Besseren belehrt. Die Wirtschaftswissenschaften etwa pflegen auf axiomatisch eingeführten Prinzipien aufgebaut zu sein – dem Prinzip der Nutzenmaximierung, der Knappheit, der Bedarfsdeckung, der Wirtschaftlichkeit –, aber Derridas Denken richtet sich gegen solche Ursprünge, und davon könnten Ökonomen sich durchaus eine Scheibe abschneiden, wie Enkelmann zeigt – unter anderem an Figuren und Konzepten wie Eigentum, Zeit, Reziprozität, oikos und vor allem: Gabe, mit einem eigenen kleinen Abschnitt über die „Gabe des Vertrauens“, das heutzutage in aller Munde ist.

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„Vertrauen“, sagt Enkelmann (S. 102), „ist die Existenzgrundlage der Arbeitsteilung.“ Wenn Ökonomen das akzeptieren, dann meist nur im Sinne eines kalkulativen „Vertrauens“, das aber, wie die Philosophen sagen und Enkelmann zeigt, ein hölzernes Eisen ist. Damit bekommt Philosophie eine beträchtliche praktische Bewandtnis, und wer sich für so etwas interessiert, dem sei Enkelmanns kleine, aber feine Schrift empfohlen.


Simon Springmann, Macht und OrganisationDas zweite Buch, „Macht und Organisation“ von Simon Springmann, behandelt, so der Untertitel, „Die Machtkonzeption bei Friedrich Nietzsche und in der mikropolitischen Organisationstheorie“. Da muss ich sogleich Befangenheit bekennen, weil ich den letzteren Ansatz, zusammen mit Willi Küpper und unter starken Anleihen bei Michel Crozier und Erhard Friedberg, auszuarbeiten versucht habe. Springmann nun hat einerseits bei Küpper studiert und andererseits bei Volker Gerhardt am Philosophischen Institut der Humboldt-Universität promoviert – das erwähnte Buch ist seine Dissertationsschrift. Das bedeutet: Dieser Autor versteht etwas von Philosophie und von Organisationstheorie, und das merkt man dem Buch an. Wer also von Nietzsche und von der mikropolitischen Organisationsanalyse etwas erfahren möchte – zum Beispiel, wie Lügen ihre eigene Wahrheit nachträglich hervorbringen oder wie sehr Auseinandersetzungen in Organisationen Kampfspiele sind –, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Besonders lesenswert: ein großes Kapitel über „Macht und Ästhetik“. Dafür ist Nietzsche eine ergiebige Quelle. Stichworte: Pathos der Distanz, leibliche „Lust an der Bewegung, als Tanz, als Leichtigkeit, als Presto“, Architektur als Machtsymbol, Kunst als Machtausdruck und Machtmittel.

Zuerst erschienen bei:
Beginnen wir mit dem Unmöglichen: Metropolis (2010)
Macht und Organisation: Duncker & Humblot (2010)

Beitrag von Günther Ortmann

Harry G. Frankfurt
»On Bullshit«

Günther Ortmann, Organisationstheoretiker und Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Zuletzt von ihm erschienen: Kunst des Entscheidens. Ein Quantum Trost für Zweifler und Zauderer. Weilerswist 2011: Velbrück. Das Folgende ist, stark gekürzt, daraus entnommen

Harry G. Frankfurt, On BullshitIm Jahre 2005 erschien in der Princeton University Press ein kleines Buch, dessen Titel, On Bullshit (deutsch: Bullshit. Frankfurt a.M. 2006), nicht unbedingt die Erwartung begründet, sein Autor, Harry G. Frankfurt, werde sich darin seinem Gegenstand mit jener Ernsthaftigkeit nähern, die man in dieser Umgebung – Princeton! – und von diesem berühmten Philosophen erwarten würde. Nichts anderes jedoch tut Frankfurt, und der grimmige, extrem trockene Witz des Büchleins liegt in der eisernen Abstinenz gegenüber der Versuchung, mit dem Text den Schabernack zu treiben, den der Gegenstand nahe legt. Was Frankfurt stattdessen vorlegt, ist eine ganz ernsthafte Antwort auf ganz ernsthafte Fragen: Was meinen wir, wenn wir etwas bullshit nennen? Wieso gibt es unter seinen Produzenten – in der Werbung, in den Public Relations, in der Politik – so exquisite Könner?
Man mag vorläufig an Humbug denken, an heiße Luft, an Quatsch, Blödsinn, Bockmist, aber im Englischen oder eher noch im Amerikanischen führt das Wort auch die Konnotation des Prätentiösen mit, des Gespreizten und des Bluffs. Bei Eric Ambler zum Beispiel, in Dirty Story, rät ein Vater seinem Sohn: »Never tell a lie when you can bullshit your way through.« Niemals lügen, wenn du mit prätentiösem Mist durchkommen kannst.
Der Frage, was das alles mit der Kunst des Entscheidens zu tun hat, kommen wir näher, wenn wir mit Harry G. Frankfurt die Frage stellen, die sich nun aufdrängt: »Why is there so much bullshit?«

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Antwort:
»Bullshit ist immer dann unvermeidlich, wenn die Umstände es erfordern zu reden, ohne zu wissen worüber.«

Das sei in der Demokratie, im Parlament, überhaupt im öffentlichen Leben häufig der Fall. Da seien oder fühlten sich die Leute oft genötigt, ausführlich über Dinge zu sprechen, von denen sie nicht genug verstehen. Ein gewisses Maß an Ignoranz aber, und damit kommen wir zum Thema ›Entscheidung‹, kann auch der Entscheider nicht vermeiden, weil und insofern er unter Unsicherheit entscheiden muss und mit perfekten Begründungen, perfekten Brücken über die Kluft der Kontingenz nicht dienen kann. Gesetzt nun, dass er diesen Rest, diesen Riss, diese Lücke nicht offenbaren kann, sondern verbergen muss, weil anders Motivation und Commitment derer, die ihm folgen sollen, nicht zu erwarten sind: Dann könnte er zum Mittel der Lüge greifen. So aber wird es nicht gemacht. Die Antragsprosa für Budget- und Projektanträge folgt ebenso wie die Bewilligungs- und Begründungslyrik, mit der Entscheidungen gerechtfertigt werden, eisern der Devise: »Never tell a lie when you can bullshit your way through.« Bullshit ist, so gesehen, Nebenprodukt der Kontingenz – unvermeidlich, wenn Entscheidungen, kontingent, wie sie sind, als zwingend begründet werden müssen. Auch das Management ist daher ein Feld, auf dem exquisite Könner als Produzenten am Werk sind.

erstmals erschienen bei:
Princeton University Press, 2005
auf Deutsch erschienen bei:
Suhrkamp, 2006

Beitrag von Stefan M. Seydel

Pierre Bayard
»Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat«

Stefan M. Seydel, selbstständiger Unternehmer seit 1997 – Schwerpunkt Entwicklung von Pilot- und Impulsprojekten, rebell.tv AG. Unter www.rebell.tv. findet sich auch ein Video- Sender zu den »X-Organisationen«, der Management Biennale des MZW. Sehen Sie Stefan M. Seydel im Gespräch mit Dirk Baecker, Fritz B. Simon, Betty Zucker u. a.

Pierre BayardSelbst wenn Bibliotheken alle Bücher aufnehmen wollten: Ihr stets in Erweiterung befindliches Haus wäre zu winzig. Das Verzeichnis der lieferbaren Bücher ändert sich in jeder Sekunde. Was den Mönchen einst »Seelenapotheke« war, ist der trennenden und teilenden Wissenschaft zum Ort der Unruhe geworden. Der Dramatik nicht genug: Verlangten wir von unseren Studierenden: »Lies zuerst die Bücher unseres Fachs!«, machten wir sie zu ewig Stillen und Stummen. Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat von Pierre Bayard habe ich mir nicht gekauft, weil ich es lesen wollte. Beim darin Zappen wird rasch deutlich, wie mutig ihm seine eigenen Gedanken erscheinen.

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Ginge es dem Autor wirklich um eine konkrete Anleitung, könnte leicht Differenzierteres verfasst werden. Nein: Hier schreibt einer eine einfühlsame Begleitung für Menschen, welchen schon der Titel den Atem geraubt hat. Und doch: Mir war wichtig, gerade diese Arbeit, die Arbeit eines Literaturprofessors, eines Professors aus Paris, in meinem eigenen Regal zu haben. Ich wollte es jederzeit anfassen können. Dieser Beweis für Ungläubige. Diese Ermutigung für Zweifelnde. Dieses Andenken an meine eigene Zeitzeugenschaft: »200Jahre sind genug!« 600 Jahre Dominanz der dicken Bücher sowieso.

erschienen als gebundene Ausgabe bei:
Verlag Antje Kunstmann, 2007
erscheint als Taschenbuch bei:
Goldmann Verlag, 2009

Beitrag von Andreas Szankay

Pierre Guillet de Monthoux
Liedership - Franz Schubert Schwungsongs for Aesthetic Management

Andreas Szankay, geb. 1974, Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Witten/Herdecke. Geschäftsführer der interzentral GmbH, Künstlermanager und DJ. Organisation verschiedener Workshops, Konferenzen und Kulturveranstaltungen mit dem Ziel, Ereignisse zu ermöglichen.

LiedershipWie schade, dass es diese Hotline nicht wirklich gibt - den „Global Management Help Desk“. Je nach Frage verbinde dieses Call-Center den ratlosen Top-Manager mit Theoretikern aus der ganzen Welt und atmet den leblosen Kreaturen am anderen Ende der Leitung durch eigenwillige Interpretationen von Franz Schuberts Liedgut wieder Leben ein. So wechseln sich auf der CD Konversationen zwischen einem imaginären Anrufer und dem „Help-Desk–Choir“ mit kurzen Songs ab. Die Lieder tragen nahmen wie „Corporate Collectors“, „Meaningless Meetings“, „Aesthetic Manifesto“ oder „The MBA“.

Das Credo dieser Reise durch die uns der schwedische Professor der School of Business Stockholm University, Pierre Guillet de Monthoux singender Weise führt, lautet: Ya Gotta Schwung Guys!

Hört sich an wie eine Rap-Floskel und hat auch viel davon. Das Besondere der Hip-Hop Kultur ist ihr performativen Charakter – jeder kann mitmachen und muss es auch um Teil der Bewegung zu werden. Die Bewegung für die uns Pierre de Monthoux begeistern möchte ist die des „Aesthetic Management“. Ein Management das die Wahrnehmungs- und Ausdruckspotentiale des Menschen zur Lösung organisationaler Probleme nutzt. Im Inlay liest man ein Auszug aus den ästhetischen Briefen Friedrich Schillers. Andere Referenzen sind Kant und Schoppenhauer.

Um die Authentizität, wie man im Hip-Hop sagen würde die „Realness“, herzustellen, aus der heraus man seinen Standpunkt äußern darf, muss man selbst bestimmte Skills einbringen. Pierre de Monthoux wählt die Lyrik, textet sich unbeschwert über schwungvolle Lieder Franz Schuberts und kommt dabei auf Punchlines wie „Only Guggenheim and MOMA ... help you get out of your coma“!

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Wie das meistens so ist, kann die CD der Live Performance eines Pierre Guillet de Monthoux nicht das Wasser reichen. Aber auch auf diesem Wege kommt es rüber: Dieser Mann hat den Flow den er auch von uns fordert. Dabei kommt es nicht auf die musikalische Qualität der Aufnahme an, die Stimme von de Monthoux liegt irgendwo zwischen Lena Meyer-Landrut und Tom Waits, sondern auf das Statement, das Spiel, die Überzeugung, den Witz.

Auch wenn man nach dem hören der CD nicht unbedingt weiß was man am nächsten morgen anders machen sollte, hat sie ab jetzt einen festen Platz in meiner Sammlung. Als Bestätigung dafür, dass auch in der Wissenschaft („Knowledge Industry“) Inhalt und Form zusammengedacht- und gehört werden kann.

Die CD wurde übrigens im Rahmen des „Fields of Flow“ realisiert, einem Forschungsprojekt zur ästhetischen Interaktion zwischen Kunst und Ökonomie welches durch die Schwedische Nationalbank finanziert wird.

CD Features: Prof. Robert Austin, Prof. Claes Gustafsson, Prof. Alf Rehn, Dr. Berti Guve, Dr. Marcus Lindahl, Dr. Emma Stenström, Prof. Antonio Strati, Henrik Schrat, Dr. Katja Lindqvist, Dr. Ann-Sofi Köping, Prof. Sven-Erik Sjöstrand.

Die CD ist zu bestellen bei Arvinius Förlag,
E-Mail: info@arvinius.se